Der Tanz „La Folia“

Ein wenig Musikgeschichte: La Folia

Ein ausgelassener Tanz und Variationen über einem Bass.

La Folia ist nicht einfach das bekannte Stück von Corelli. In der Musikgeschichte beinhaltet der Begriff sehr viel mehr. Seine Wurzeln sind im späten Mittelalter zu finden. Er hat eine doppelte Bedeutung. Die Folia ist einerseits ein Tanz iberischer Herkunft und andererseits eine harmonisch-melodische Formel, die für die Komposition von Liedern und Tänzen und später vor allem von Instrumentalvariationen Verwendung gefunden hat. Die Folia-Musik ist aus dem Tanz entstanden, so wie auch die Sarabande und die Chaconne ursprünglich auf Tanzformen zurückgehen.

Der Folia-Tanz beruht auf einer erstmals im 15. Jahrhundert in Portugal belegten, volkstümlichen Tradition, die auch im höfischen Umfeld Fuss fasste. In seinem Wörterbuch von 1611 beschreibt Covarrubias die Folia als „lärmenden portugiesischen Tanz, an dem viele Personen mit sonajas (eine Rassel aus Metallscheiben, die an einem Holzring befestigt sind) und anderen Instrumenten teilnehmen, ausserdem einige maskierte Rüpel, die auf ihren Schultern als Mädchen verkleidete Jünglinge tragen (Rosstanz). Sie bilden mit ausgestreckten Armen manchmal einen Kreis oder sie tanzen und schütteln ihre sonajas. Der Lärm ist so gross und die Musik so schnell, dass alle von Sinnen zu sein scheinen.“ Dies dürfte auch die Assoziation des Tanzes mit Tollheit erklären, auf welche die Bezeichnung „Folia“ hinweist.

Die Formel der auf den Tanz zurückgehenden Folia-Musik ist in einem Entwicklungsprozess entstanden, in dem auch das Lied eine wichtige Rolle spielte. Er erstreckte sich vom 15. Jahrhundert an über etwa hundert Jahre und erst dann nahm die Musik die Bezeichnung „Folia“ an. Die ältesten Stücke, die den Titel Folia tragen, sind in einem anonym überlieferten Manuskript von 1593 zu finden. Charakteristisch für die Folia ist eine auf- und absteigende Melodielinie über einem Bass, der sich aus der harmonischen Abfolge I – V – I – VII – I ableitet. Zunächst wurden die Folias, die nicht nur in Spanien, sondern vor allem auch in Italien äusserst populär waren, hauptsächlich für die fünfsaitige spanische Gitarre geschrieben. Später verbreitete sich die Folia-Formel über die iberische Halbinsel und Italien hinaus auch nördlich der Alpen, namentlich in Frankreich und England. Im Barock wurde sie zu einer beliebten Grundlage für Instrumentalvariationen (häufig als Folies d’Espagne bezeichnet), unter welchen diejenigen von Corelli und Marain Marais wohl die bekanntesten sind. Am Ende des 18. Jahrhundert kam die Folia aus der Mode. Später wurde sie nur noch gelegentlich, meist in bewusst historisierenden Kompositionen verwendet, z.B. von Rachmaninoff in “Variationen für Klavier über ein Thema von Corelli”.

Andres Hodel (1998)

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